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Mittwoch, 10. Dezember 2008

Rückweg - Reisebericht Teil 10

Auf dem Rückweg von den Drakensbergen nach Kapstadt kam ich noch an einer ganzen Reihe schrecklicher, schwarzer Orte vorbei.
Ganz besonders schlimm empfand ich die Gegend um Umtata in der Transkei. Ehrlich gesagt war ich ein wenig verblüfft, dass mich mein Reiseführer nicht darüber informiert hatte, wie gefährlich es dort ist. Vielleicht aber auch gut so, denn sonst wäre ich nicht durchgefahren.
Das Gebiet ist ehemaliges Homeland, Nelson Mandela wuchs dort auf. Die Autobahn führt mitten durch Dörfer, keine Leitplanken und Zäune trennen die Straße von den Ortschaften. Viele Leute lungern am Straßenrand, ausgeschlachtete Autos stehen herum, tote Kühe und Schafe liegen auf der Fahrbahn. Niemand räumt sie weg. Niemand scheint sich überhaupt um irgendetwas zu kümmern. Das Fenster runterzukurbeln oder anzuhalten habe ich mich nicht getraut.

Einmal ging es nicht anders. Ich brauchte Wasser und hielt an einer heruntergekommenen Tankstelle. Nur eine einzige verbeulte Tanksäule war in Betrieb. Eine Schlange hatte sich davor gebildet. Ich parkte auf der Straße. Kaum hatte ich das Auto abgestellt, schlichen zwei schwarze Männer um den Wagen herum und behielten auch mich im Auge. Ich wollte kehrt machen und weiterfahren, doch dann dachte ich: "Warum? Cool sein." Im Shop der Tankstelle waren fast alle Regale leer. Es gab nur ein paar Toastbrote, Cola und zum Glück Wasser. Als ich reinkam, beäugten mich die Leute. Man redete über mich, und man begegnete mir keinesfalls wohlwollend. Als ich zum Wagen zurückkehrte, standen da die beiden Männer. Ich guckte stur geradeaus, stieg ein, verriegelte den Wagen von innen und gab Gas. Wieder dachte ich an die Gnade Gottes.

Je weiter ich mich im weiteren Verlauf Kapstadt näherte, desto hübscher wurde es. Ich übernachtete in Plettenberg Bay, einem über die Maßen schicken Ort an der Küste. Alles war hier exklusiv, die Leute, die Wohnungseinrichtungen, die Autos: WEISS.

Am letzten Tag verabschiedete sich Rainbow-Nation tatsächlich mit Sonnenschein und Regen. Am Himmel sah ich es zart rot, orange, gelb, grün, blau und violett schimmern. So groß wie das Spektrum der Farben war auch das der Menschen: Die einen essen ihr Frühstücksei sunny side up, beherrschen fünf Sprachen, besitzen Villa und Blackberry, und die anderen tragen Lendenschurz und Federn auf dem Kopf, wenn sie böse Geister vertreiben.
Mich würde das alles noch eine ganze Weile nicht loslassen.

Montag, 8. Dezember 2008

Botswana TV - Reisebericht Teil 9

Das Bett, auf dem ich liege, ist bestimmt 2,20 m breit. Gleich eine ganze Armada edler Decken und Kissen steht zur Verfügung, um es sich so richtig gemütlich zu machen. Nebenan lodert der Kamin. Die Sonne ist gerade untergegangen, das habe ich bei Kerzenschein auf der schicken Holzveranda verfolgt. Wenn ich nun aus dem riesigen Panorama-Fenster schaue, sehe ich einen klaren, sehr schwarzen Himmel und Sterne von ungeheurer Leuchtkraft. Es ist unglaublich schön. Und unglaublich anders, als alles, was ich bisher kannte.

Botswana TV sendet gerade so eine Art Hitparade. Es gibt eine Studioband, diverse Interpreten treten auf. Auch Livepublikum gibt es. Das isst während der Aufzeichnung Chips und sitzt auf Gartenbänken. Die Sänger sehen zum großen Teil unmöglich aus, gern getragen werden wild gemusterte Hemden zur khakifarbenen Bundfaltenhose. Alles ist unglaublich primitiv und laienhaft. Ich meine sogar beim Keyboarder die Aufschrift "Bontempi" gelesen zu haben. Ein ums andere Mal musste ich laut loslachen. Wenn zum Beispiel im Playback gerade ein Saxphon-Solo gespielt wurde, es in der Studioband aber gar keinen Saxophon-Spieler gab. Botswana TV blendet in so einem Fall einen grinsenden Bassisten ein, der jedoch auch nicht das spielt, was der Bass im Hintergrund einem zu hören gibt.
Niemanden stört das! Ein Sänger betritt die Bühne, das Playback setzt ein, die Studioband spielt IRGENDWAS (..), und die Leute im Publikum stehen auf und tanzen. Alle haben ihren Spaß.
Botswana TV ist super. Es befreit. Es macht das Herz weit. Diesen Afrikanern scheint einfach die Sonne aus dem Arsch. Man kann das nur mögen.

Im Anschluss an die Hitparade liefen Musikvideos, die auch alle sehr einfach gemacht waren. Ein Mädchen mit Bast-Röckchen sang "Take me to Soweto!".
Ich hatte mittlerweile einiges von diesem Land gesehen, tausende Kilometer zurückgelegt und mit vielen Menschen gesprochen. Das Land war riesig, die Armut groß. Im Landesinneren gibt es nichts, mit dem es sich Geld verdienen ließe.
Konnte ich mir in Kayelitsha nicht vorstellen, das jemand freiwillig dort wohnt, so hatte ich mittlerweile begriffen: Für die ländliche Bevölkerung ganz Afrikas sind die Townships der großen Städte, in diesem Falle Kapstadts und Johannesburgs, das gelobte Land. Der Platz, wo man ganz nah dran ist am Kuchen. Der Platz, von wo aus man es schaffen kann.

Rein vom Verstand her kann man die Gegensätzlichkeit gar nicht fassen. Hier mein Bungalow mit allem Komfort, draußen 3. Welt.
Nur einige hundert Kilometer weiter: Botswana.

Samstag, 6. Dezember 2008

Gebirge - Reisebericht Teil 8

Nach 2 Tagen im Ithala Reserve machte ich mich langsam wieder auf den Rückweg nach Kapstadt.

Die Drakensberge lagen nur etwas mehr als einen halben Tag entfernt auf der Route und sollten wunderschön sein.

Ich fuhr durch Zululand, durch viele kleine Dörfer und Siedlungen. Es sieht in diesem Teil Afrikas zu dieser Jahreszeit so aus wie in Island. Sattgrüne, mit Gras bedeckte Berge soweit das Auge reicht. Kristallklare Bäche ziehen Furchen in die gebirgige Landschaft. Die Leute wohnen tatsächlich noch in runden Lehmhütten, mit Stroh gedeckt. Die meisten haben mittlerweile ein kleines (und "klein" heißt wirklich klein, keine 30 Quadratmeter groß), windschiefes Haus mit Wellblechdach UND die obligatorische runde Lehmhütte. Ich schätze, sie lagern in der Hütte Getreide und Gemüse, das, was man auf Vorrat halten muss. Die Menschen leben von dem, was ihr Acker hergibt, und Rindern und Hühnern. Einkaufsmöglichkeiten gibt es nicht. Größere Orte sind oft über 50 Kilometer entfernt. Man sieht viele junge Männer am Straßenrand, die Kühe hüten. Frauen transportieren Eimer mit Wasser oder Säcke mit Kartoffeln auf dem Kopf. Wasser muss man am Brunnen holen. Immerhin führt meist eine geteerte Hauptstraße durch die Dörfer. Alte, klapprige Autos und Trecker gibt es auch. Wer kein Auto hat, wird am Straßenrand von den -da sind sie wieder- Minibussen aufgesammelt. Alle paar Kilometer sah ich eine Schule.

Die Zulus waren ja mal gefürchtete Krieger und kennen sich anscheinend sehr gut mit Tieren, Pflanzen und dem Wetter aus. Auch der Wildhüter von meiner Safari-Tour war Zulu.

Das Giant´s Castle Reserve in den Drakensbergen lag sehr, sehr abgelegen. Wenn ich an Menschen in den immer spärlicheren Siedlungen vorbei kam, grüßten die mich. Die Kinder winkten und tanzten auf der Straße. Wollten die Geld? Ich sah einen Jungen, der 4 Coladosen mit einem selbstgebauten Drahtgestänge obendrauf und einem Band dran hinter sich herzog: Ein Auto. Du fährst nicht einfach dran vorbei. Es bricht Dir fast das Herz.
In den Townships sagten uns die Leute, wir sollten den Kindern auf keinen Fall Geld geben. Die lernen dann zu betteln und nicht, dass man etwas tun muss, wenn man was verdienen möchte. Ich musste an Thabang denken: "Don´t see only the poverty." Statt erschrocken und bedrückt zu gucken, hätte ich aussteigen und sagen sollen: "Hey, wow, you are a pretty good car builder." Dann wär der Junge stolz nach Hause gegangen und hätte sich gut gefühlt. Aber das fiel mir erst hinterher ein.

Irgendwann gab es keine Menschen mehr am Straßenrand. Statt dessen immer mehr Schlaglöcher, Kieszonen und dramatische Auf- und Abs. Mit einem Geländewagen ginge es bestimmt besser voran. Als ich schon dachte, dass gar nichts mehr kommen würde, war da auf einmal das Eingangstor zum Naturreservat.

Mein Bungalow im Giant´s Castle Reserve war größer als meine Wohnung in Hamburg. Er hatte ein riesiges Bett, einen Kamin, eine große Holzveranda mit Grill und rundherum Panorama-Fenster mit Mountain View. Atemberaubend! Abends schmiss ich den Kamin an und schaute "Botswana TV".

Freitag, 5. Dezember 2008

Safari - Reisebericht Teil 7

Es waren noch ungefähr 600 Kilometer bis zu meinem Nature Camp nahe Swaziland. In dem Camp sollte man vier der Big Five sehen können: also Elefanten, Giraffen, Büffel, Nashörner.

Um 14 Uhr würde ich da sein. Mein Auto sah schrecklich aus. Von außen voller Schlamm, von innen voller beige-rotem Wüstenstaub. Ich sah schrecklich aus. Übernächtigt, dreckig, verschwitzt. Um halb 2 erreichte ich den letzten Ort vor dem Reservat. Ein paar schwarze Jungs boten Car Wash an. Ich ließ den Wagen waschen und sauber machen. Sie pinseln Dir hier anschließend mit schwarzem, flüssigen Silikon die Reifen ein, damit die genauso glänzen wie die Felgen.

Mein Chalet im Ithala Camp war geschmackvoll eingerichtet. Anmutig schmiegten sich die 20 reetgedeckten Häuschen der Game Lodge an die Berglandschaft. Schick. Ich duschte, legte mich zwei Stunden hin und aß zu Abend. Für den nächsten Tag buchte ich den "Sundowner Game Drive".

Um 17 Uhr traf ich mich mit dem Wildhüter vor seinem Jeep. Die Sonne ging hier schon um 6 unter. Wir stiegen ein und fuhren los. Ganz langsam und fast lautlos schlichen wir uns mit dem Wagen durch das traumhafte Gelände des riesigen Reservats. Der Wildhüter war Zulu und sprach nur sehr wenig englisch. Trotzdem verstand ich ihn, als er mir erklärte, dass Rhinos 18 Monate schwanger sind, und Mutter und Kind anschließend 7 Jahre zusammen bleiben.
Uns liefen welche über den Weg. Ich machte ein Foto. Wir kamen an einer Herde Zebras und Gnus vorbei. Die träfe man oft zusammen an, weil Zebras hohes Gras mögen und davon nur die Spitzen abbeißen. Gnus hingegen lieben das abgebissene, niedrige Gras und zupfen es raus. Rehe heißen hier "Klipspringer". Berghasen hoppelten an uns vorbei. Herrlich. Mit etwas Glück konnten wir Elefanten sehen. Wir fuhren zu den Stellen, an denen sie sich besonders gerne zum Fressen aufhielten. Statt Elefanten trafen wir Giraffen. Die sind überhaupt nicht scheu und gucken Dich fast neugierig an, Du kannst ganz nah an sie ran gehen. Entweder haben die keine natürlichen Feinde, oder aber sie sind im Ernstfall zu langsam zum Weglaufen.
Eingefleischte Tierbeobachter analysieren sogar das, was die Tiere nach der Verdauung auf dem Weg zurücklassen. Das hatte ich irgendwo gelesen. "What animal is this? Is it from elephant?" fragte ich und zeigte auf einen braunen Flatschen am Wegesrand. "No, it´s from rhino, from elephant is like a big ball." Aha. Wenn Du also auf einen großen braunen Ball triffst, der noch dampft, weißt Du, dass hier irgendwo ein Elefant in der Nähe ist. Auf Safari gehen macht voll Spaß.
Nach einer Stunde wurde es dunkel. Es war wundervoll, die Sonne untergehen zu sehen. Ich legte mir eine Wolldecke über, der Ranger hatte zwei Handscheinwerfer dabei. Mit denen leuchteten wir im Dunkeln in die Büsche. Ab und zu sahen wir Augen, die im Schweinwerferlicht reflektierten. Wir hofften, noch auf Leoparden zu treffen. Leoparden versteckten sich gegen Abend unter Sträuchern. Allerdings musste man sehr viel Glück haben, der Wildhüter hatte den letzten Leoparden vor drei Tagen gesehen.Wir stießen in den drei Stunden weder auf Elefanten noch auf Leoparden, aber das machte überhaupt nichts. Die Erfahrung von Natur und Tierwelt war großartig.

Die Häuser im Camp waren nicht eingezäunt, und so konnte es passieren, dass morgens ein Klipspringer an Dir vorbeiflitzte, oder ein Affe zum Fenster reinschaute. Es gab auch ganz putzige Tiere, "Dassies", eine Mischung aus Otter und Erdmännchen, die zu Dutzenden auf den Pflastersteinen lagen und sich sonnten. Sie hatten ein Gesicht, dass immer so aussah, als würde es lächeln. Das ist Afrika!

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Busch - Reisebericht Teil 6

Die Wüste und zwei Nächte bei freakigen Typen hatte ich hinter mir.
Nun wollte ich ja noch in den Busch, wilde Tiere sehen. Der Busch kam schneller als geplant. Aber nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte...

Es lag noch eine Etappe von schätzungsweise 1000 Kilometern vor mir, um in das bereits vorgebuchte Chalet im Ithala Nature Reservat nahe Swaziland zu gelangen. Eine Nacht musste ich noch zusehen, wo ich blieb, dann erwartete man mich wieder. Gott sei Dank.
Auf dem Weg dorthin blitzte und donnerte es. Starker Regen fiel. Das hörte bestimmt gleich auf. Tat es nicht. Bereits um 16 Uhr verdunkelte sich der Himmel stark. Es war unerträglich schwül. Gleich war ich in Durban, einem großen Ferienort am indischen Ozean, da würde ich mir ein feines Zimmer suchen. Pustekuchen. Alles war ausgebucht, man bot mir Zimmer für umgerechnet 170 Euro die Nacht an. Ich fuhr weiter. Und weiter. Und weiter. Normalerweise kamen irgendwann Schilder, die neben der Autobahn standen und auf ein Hotel oder B & B hinwiesen. Es kamen keine Schilder. Um 18 Uhr war es stockfinster. Es blitzte immernoch. Starker, warmer Wind wehte. Ich verfuhr mich, da ich nichts mehr sehen konnte. Da kam eine Tankstelle. Und ein Polizeiauto stand auch an einer Zapfsäule, das war gut. Denn schon ab Bloemfontein sprach niemand an Tankstellen mehr englisch, sondern nur noch afrikanische Sprachen. Die Polizisten jedoch konnten meist ein paar Brocken. Ich fragte sie nach einem Hotel. Oh, hier in der Nähe? Am besten in Ballito, aber das war 50 Kilometer entfernt. Und ich solle bei dem Wetter auf gar keinen Fall mehr fahren. ACH NEE!
Die Polizisten telefonierten rum und sagten, sie würden mich zu einem B&B, 8 Kilometer entfernt, führen. Ich war ihnen sehr dankbar. Als wir dort ankamen, zeigte mir ein "Rico" mein Zimmer. Es war eine Absteige. Als Rico die Tür zu Dusche und Klo aufmachte, wußte ich, dass ich hier auf gar keinen Fall duschen würde. Die Wasserhähne funktionierten nicht richtig. Da, wo Wasser abfließen sollte, war ein braunes Rinnsal zu sehen. Im Zimmer krabbelten Ameisen auf dem Boden, ich sah Fliegen an der Decke. Ständig stach mich irgendwas. War das hier eigentlich schon Malaria-Gebiet? Es gab kein Moskitonetz, schon gar keinen Elektrostecker, der Antimoskitoduft absonderte. Immerhin hatte ich vor zwei Tagen begonnen, die Malaria-Prophylaxe einzunehmen. Alles roch muffig. Die Bettdecke war so miefig, dass ich mich mit ihr nicht zudecken mochte. Das Bettlaken war grau-beige. Ich denke, es war mal weiß. Ich hörte Frösche, Schnaken und sonstiges Getier draußen. Es war eklig.

Ich ging nochmal raus, um Rico nach etwas zu trinken zu fragen. Ja, wir seien hier direkt im Dschungel, mitten in nature und so. Aber hier sei ich erstmal safe, mein Auto könne ich direkt vor meiner Tür parken. Als ich mein Zimmer betrat, sah ich ein ungefähr 3 cm großes Käfertier mit langen Fühlern auf dem Boden. Als ich es hinausscheuchen wollte, verschwand es unter einem Schrank. Was sich unter dem Bett tummelte, wollte ich gar nicht wissen. Geckos liefen die speckigen Wände hoch. Ich konnte hier beim besten Willen nicht schlafen. Alles ekelte mich an. Das Licht ausmachen würde ich mich schon mal gar nicht trauen. Wie sollte ich diese Nacht rumkriegen? Draußen stürmte es. Rico hatte gesagt, heute Nacht würde es ein Unwetter geben. Das sei öfter so, da die heiße Luft hier direkt auf die kalte vom Atlantik pralle. Ich hatte keine Wahl, ich würde hier bleiben müssen.

Auf dem Hinflug hatte ich eine blaue Fleecedecke von KLM mitgehen lassen. Die war noch eingeschweißt und duftete neu und frisch. Ich nahm die Decke und verbrachte die Nacht im Auto. Alle zwei Stunden schreckte ich hoch und schaute nach Verdächtigem. Ich hatte echt Schiss. Vielleicht hatte ich die Gnade Gottes ein wenig zu sehr herausgefordert?

Irgendwann war es halb sechs und wieder hell. Ich zahlte Rico für die Nacht im Auto 350 Rand. Das war die teuerste und schrecklichste Nacht bisher. Ohne zu duschen und mir die Zähne zu putzen brach ich auf. Ich wusch mir noch nicht mal die Hände. Um halb 8 befand ich mich auf der Autobahn.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Wüste - Reisebericht Teil 5

WüsteWeite kann einen wahnsinnig machen. Ich verstehe jetzt, warum man so oft hört, dass Leute, die sich in der Wüste verirren, verrückt werden. In den ersten 3 Stunden war die Steppenlandschaft der Karoo noch aufregend. Die Karoo ist keine Sandwüste, sondern landschaftlich durch beige-roten Schotter geprägt, der mit niedrigen grasähnlichen Pflanzen übersäht ist. Ab und an sind Kakteen dabei. Es sieht so aus, wie ich mir Arizona/USA vorstelle. Nach 4 Stunden war ich davon ermüdet. Ich fuhr hunderte Kilometer, ohne dass mir ein Auto entgegen kam. Es war sengend heiß. Mein Auge versuchte sich auf irgendetwas zu richten. Irgendeinen Anhaltspunkt zu haben. Weit weg am Horizont flimmerte der Asphalt. Da hinten, da würde bestimmt etwas kommen. Ein Haus. Oder ein Baum. Oder ein Auto. Irgendetwas, das auf Leben hinwies. Aber da kam nichts. Auch hinter der nächsten Kurve, dem nächsten Hügel: Nichts. Statt dessen glitzerte es von Neuem verheißungsvoll am Horizont. Und auch dort würde nichts sein. Menschen brauchen Etappen, sie müssen auf irgendetwas hinsteuern können. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, wenn das Leben endlos sei. Furchtbar wahrscheinlich.

Gegen 15 Uhr war die Hitze unerträglich. Mit offenem Fenster und eingeschaltetem Gebläse war es so, als würde mir jemand mit einem heißen Föhn ins Gesicht pusten. Das Lenkrad war so heiß, dass ich es kaum anfassen konnte. Mein Wasser konnte ich nicht mehr trinken, da es Blasen warf. Alles, was ich irgendwann wollte, war: Irgendwo ankommen. Aber bis zum nächsten Ort waren es noch zig Kilometer. Ich verfolgte die Hundertmeterschritte auf der Kilometeranzeige meines Wagens. Alles kam mir endlos lang vor.

Es wurde schon fast dunkel, als ich in Williston ankam. Die Straßen waren nicht geteert, zu den Häusern führten nur Schotterwege. Zum Glück gab es ein Bed & Breakfast. "De Ark", was ich mal ganz naiv mit "Die Arche" übersetzte, nannte sich ein uriges Gebäude, das von außen mit lauter Krimskrams dekoriert war. Alte Pfannen, Flaschen, Teller, Wagenräder hingen an Wänden und Giebeln. Das Ganze war sehr spinnert arrangiert. Entweder wohnte hier ein alter Mann mit Stock, der einen Hau weg hatte, oder so eine Art Künstlertyp. Auf jeden Fall jemand, der so richtig ganz dicht nicht sein konnte.

Der Mann, der mir die Tür aufmachte, hieß Pieter und war zum Glück von zweiter Sorte. Er war attraktiv, um die 40, hatte Fine Arts studiert, dann lange in Kapstadt als Textildesigner gearbeitet und war vor vier Jahren mit seiner Frau in die Wüste gezogen. Er sagte, er hätte die Schnauze voll gehabt von der Großstadt, dem Stress, der hohen Kriminalität. Nun verdiente er sein Geld mit dem B&B und seiner Kunst. Nebenbei arbeitete er in der Bäckerei von Williston. Pieter bot mir sofort ein Glas kalten Rosé an. Wir rauchten viele Zigaretten und tranken viel Wein. Als ich zu Bett ging, hatte ich Kopfschmerzen.

Am nächsten Tag fuhr ich wieder Hunderte von Kilometern durch Einöde, bevor ich größere Städte erreichte. Ich verbrachte die Nacht in einem B&B, das ein junggebliebener Hippie-Typ aus San Francisco um Mitte fünfzig betrieb. Er hatte einen grauen Zopf und eine große, rote Trinkernase, war aber voll in Ordnung.

Neben Kapstadt und Wüste wollte ich noch das wilde Afrika kennenlernen. Da ging es nun hin.

Montag, 1. Dezember 2008

Leaving Kapstadt - Reisebericht Teil 4

MichaelSonntag Morgen um 8 verließ ich mein schönes Guesthouse in den Weinbergen. Zum letzten Mal setzte ich den Corsa rückwärts, wartete, bis sich das elektronische Tor öffnete und fuhr hinaus. Michael stand in der Einfahrt und winkte. "Goodbye, maybe you´ll come back one day. Have a good trip". Als sich das Tor hinter mir schloss, musste ich weinen. Ich mochte ihn. Der Abschied fiel mir schwer. Laut Plan sollte es ja nun erst richtig losgehen mit Afrika. Ich wollte in die Wüste. Dahin, wo kein Tourist sich verirrte. Einsamkeit und Weite erfahren. Doch nun war mir mulmig. Ich hatte jetzt keine Anlaufstelle mehr, kein sicheres, rund um die Uhr bewachtes Zuhause mit Pool, Parkplatz und King Size Bed. Keinen Michael, der, wenn ich nach Hause kam, im Flur stand und fragte: "Hi Sabin, how was your day?" Alles, was ich hatte, war mein Auto und mein Gepäck. Wo ich die nächste Nacht schlafen würde, wußte ich noch nicht. Was, wenn mein Wagen liegen blieb? Was, wenn ich meine Papiere verlor? Es nicht rechtzeitig zur nächsten Tankstelle schaffte? Vor Einsetzen der Dunkelheit kein Bett zum Schlafen fand? Man mich überfiel? Vielleicht sollte ich die Geschichte abblasen und doch lieber den straighten Weg auf der Hauptautobahn nehmen. Am liebsten jedoch wollte ich hier bleiben. Ich fühlte mich allein.

Die meisten Südafrikaner sind sehr gläubig, ob Schwarz oder Weiß. Sonntags gehen alle in die Kirche. Es gibt eine Vielzahl von unterschiedlichen christlichen Gemeinden - Anglikaner, Methodisten, Reformierte und viele mehr. Ich war in den letzten Tage öfter an einer Kirche direkt an der Hauptstraße vorbei gekommen. Da standen immer viele Autos. Sunday Service fing dort sonntags um 8.30 Uhr an, zeitlich passte das ganz gut.

Verheult kam ich um kurz vor halb 9 bei der People´s Church in Constantia an. Wenn die Gottesdienste hier so sind, wie ich es aus Amerika kannte, dann fällt das gar nicht auf, dachte ich, weil spätestens nach 10 Minuten sowieso die ersten Tränen fließen. Der Gottesdienst war so wie in Amerika. Wo bei uns der Altar steht, befanden sich Schlagzeug, E-Gitarre, Keyboard, Bass, und Mikrofone. Im Hintergrund lief flotte Musik mit christlichen Texten. Alle begrüßten sich mit Handschlag, nahmen auf den Sitzen Platz und wippten schon mal locker im Takt mit. Um kurz nach halb 9 betrat ein attraktiver, junger Typ die Bühne. "I hope you all had a good night at this wonderful morning. So stand up, we wanna sing." Alle standen auf, Musiker und Chor betraten die Bühne und zack: los ging es. Gesungen wurden christliche Popsongs, die anscheinend alle kannten. Praktischerweise wurden die Songtexte aber auch auf einem riesigen Flachbildschirm direkt über dem "Altar" angezeigt. Das Kreuz hing etwas weiter links. Beim ersten Lied streckten die ersten Leute den rechten Arm nach oben. Beim zweiten schneuzten die ersten in ihre Taschentücher. Gemeinde und Chor sangen inbrünstig, voller Emotionen, mehrstimmig und GUT! Beim Refrain des dritten Songs waren auch die letzten Hände oben.

Danach betrat der Pastor die Bühne, er trug sein schwarzes Hemd lässig über der cremefarbenen Bundfaltenhose. Es sollte heute in der Predigt um das Thema "Do not waste the grace of God" gehen. Viele holten ihre Bibel aus der Tasche und schlugen die entsprechende Stelle auf. Wer keine Bibel zur Hand hatte, konnte den Vers auf dem Fernsehbildschirm lesen. "Do not waste the grace of God", was bedeutete das nun? Der Prediger erklärte es uns: frei sprechend, charismatisch, mit vielen Beispielen, die alle aus ihrem Leben kannten. Die Leute machten sich Notizen. "Do not waste the grace of God. God gives you all that you need. He gives you talents and he gives you strength. Don´t let that be in vain. He wants you to make the most of it. He does not want you to STAY in your comfort zones, he wants you to GO. So, be faithfull, have confidence and take risks."

Alles klar: Natürlich würde ich in die Wüste fahren. Nichts konnte ich in diesem Moment mehr brauchen als den Segen des glatzköpfigen, charismatischen Mannes mit dem schwarzen Hemd und der Bundfaltenhose. Was ich auch brauchen konnte, war einen starken Kaffee und einen Toast mit Käse und Schinken.

An der letzten Raststätte hinter Kapstadt besorgte ich mir beides. Ich zog mir eine bequeme Hose sowie ein luftiges Shirt an und fuhr Richtung Namibia.

Donnerstag, 27. November 2008

Kapstadt - Reisebericht Teil 3

Gestern war es sehr warm. Ich entschied mich nach den emotionalen Eindrücken der letzten Tage einen ruhigen Tag einzulegen.
Am Strand von Camps Bay schaute ich gut gebauten weißen und schwarzen Männern beim Fußballspielen zu. Eine leichte Brise wehte. Ich hörte einen Familienvater zu seiner Frau und seinem Sohn sagen: "God, it´s a lovely day today, isn´t it?" Und ich dachte: "Ja, wirklich. Wie recht er hat."

Derweil räumten Leute mein Auto aus. Meinen (weißen, was sonst) Opel Corsa fand ich mit eingeworfener Scheibe, gestohlenem Radio und offenem Handschuhfach vor. Noch bevor ich überlegen konnte, was ich jetzt tun sollte, war allerdings schon die Polizei zur Stelle, die bereits zwei Verdächtige festgenommen hatte. Jemand hatte die Täter beobachtet und sofort Alarm geschlagen. Das Auto stand auf einem belebten Parkplatz nahe des gut besuchten Strandes, nachmittags.

Ok, alles klar. Auch das eine Südafrika-Erfahrung. "Hohe Kriminalitätsrate" ist also nicht nur etwas, das man irgendwo hört oder liest, sondern unmittelbar erfahren kann. Warum soll das nur den anderen passieren.

Eine zweite Südafrika-Erfahrung aber gleichzeitig: Während ich, den Schrecken noch im Nacken, vor dem kaputten Auto stand, und die Polizei im Hintergrund irgendwas regelte, kam eine gut betuchte englische Frau mit ihren Hunden vorbei. Sie sagte: "Don´t worry. The station where you hired the car, they have to bring you a new one. And tonight, you´ll gonna have a nice glas of wine and laugh about it." Ich sagte: "I´d better take a ... whiskey", weil mir das englische Wort für "Schnaps" nicht einfiel. Sagt sie: "Oh no, my lady. You´ll take two!" Und ich mußte lachen.

Kurz: innerhalb von einer Stunde brachte mir First Car Rental ein neues Auto.
Ich musste viel Kram bei der Polizei erledigen und verstand nicht mal die Hälfte. Die allesamt schwarzen Polizisten sprachen starken Slang und schienen mir nicht sehr, nennen wir es vorsichtig "aufgeweckt". Die Polizeistation ähnelte eher einer Baracke als einem Büro. Der einzige Acer-Computer, der dort stand, war mindestens 15 Jahre alt. Wir hätten den schon längst weggeschmissen. Sehr vertrauensvoll also, die Atmosphäre dort (...). Ein schwarzer Polizist gab mir einen handbeschriebenen Zettel, an dem er eine halbe Stunde lang sehr konzentriert gearbeitet hatte. Den sollte ich unterschreiben. Ich sagte: "I want to read it first. " Auf dem Zettel stand einfach nur, was passiert war, und ich unterschrieb. Der Polizist schaute mich erwartungsvoll an: "Do you like it?" Ja nee, klar. "Super, prima, echt gut gemacht."

Abends ging ich in mein Lieblingsrestaurant "Greens" (das mit den Cricket- und Rugby-Übertragungen und dem guten Service - und das mit den charmanten, gutaussehenden, aufmerksamen Kellnern...) und trank ein Glas Wein. Wein trinken hilft hier ja anscheinend immer. Es war Freitagabend, das Restaurant voll. Familien mit entzückenden Kindern und großzügigen Grandmas und Grandpas aßen Pasta und Pizza.
"Do you enjoy the Cabernet Sauvignon? Is everything alright, madam?"
"Yes, everything is alright."

Montag, 24. November 2008

Kapstadt - Reisebericht Teil 2

VW Jetta in KayelitshaHallo aus Kapstadt nochmal. Ich habe jetzt ein Bild davon, wohin die Minibusse (Marke VW Bus) mit den vielen schwarzen Arbeitern fahren, die hier vom Straßenrand eingesammelt werden. In die Cape Flats, die -wie schon erwähnt- bestimmt fast Zweidrittel der ganzen Stadt ausmachen und um den Stadtkern herum bis weit ins Landesinnere ragen. Die Schwarzen durften ja bis zum Ende der Apartheid 1994 nicht in den schönen Teilen der Stadt wohnen. Noch in den 60er-Jahren wurde ein komplettes Stadtviertel geräumt, in dem coloured people wohnten, damit die Weißen mehr Platz hatten. Dieses Viertel ging als "District Six" in die Geschichte ein. Die Bewohner hat man einfach in das nächste Township umgesiedelt. In den Townships wohnen fast 2 Millionen Menschen.

Und dort sieht es wirklich so aus, wie man es im Fernsehen manchmal sieht. Ganz, ganz schrecklich. Meere von Wellblechhütten, dicht an dicht, 40 Kilometer (!) lang Pappe, Blech, Müll, tief hängende Stromleitungen - Menschen. In der ersten halben Stunde unserer Tour durch die Townships war ich einfach nur geschockt und tief beschämt. Was noch schlimmer ist, man will einfach nur so schnell wie möglich wieder weg da. Ich habe mich auch nicht getraut, Fotos zu machen. Das schien mir angesichts der Situation der Menschen dort unpassend. Thabang, der Fahrer unseres -na klar- VW Busses sagte jedoch, wir könnten ruhig Fotos machen und hielt sogar an besonders geeigneten Stellen (= Panorama-Blick über endlos ins Land ragende Wellblech-Siedlungen mit Bergkulisse im Hintergrund (...)).
Er sagte dann "Look here, this is a nice picture" und zeigte auf: das, was wir Elend nennen. Thabang war selber einmal aus einem ländlichen Gebiet Südafrikas nach Kapstadt gekommen und hatte über Jahre in einem der Townships gelebt. "Don´t see only the poverty, I want you to have a look at the culture of the people". Wir stiegen ein paar Mal aus, schauten uns einen Township-Supermarkt, eine Wellblechhütte von innen, einen Kindergarten und eine Kirche an. Es gibt alles, wenn auch sehr improvisiert; in manchen Township-Bezirken aber kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Müllabfuhr, keinen Platz und so weiter. Ein ganz bestimmter Geruch liegt in der Luft, leicht verbrannt. Man kann am "Kiosk" Kerosin für Lampen und Öfen kaufen, vielleicht stinkt das so. Überall wird mit kaputten Fenstern, Autoreifen, Blechkrams (für die Leute dort wertvolle Dinge!) gehandelt. Es ist tatsächlich so, dass Kinder mit Spielzeug spielen, dass sie aus weggeworfenen Coladosen basteln. Man kann daraus zum Beispiel Blechtiere "falten". Alte Telefonkabel werden um Eisendraht gewickelt und ergeben so ein Armband. Die Leute trinken aus Blechbüchsen, Hühner werden auf der Straße gerupft und über Feuer gegrillt. Wir waren auch bei einem "Arzt", einer Art Voodoo-Mann, der auch bei Liebeskummer oder verlorenem Job helfen kann. Dieser "traditional healer" ist sehr angesehen bei den Leuten. Er haust in einem dunklen Verschlag, überall hängen Tierbeine, -zähne, vielleicht auch Innereien (?, danach riecht es zumindest..) und Kräuter von der Decke, die er für seine Zwecke benutzt. Was auch von der Decke hängt, sind Kondome! Die sind dann die "prophylaxe" gegen Aids...

War ich anfangs entsetzt über die Lebensverhältnisse, habe ich im Kontakt mit den Leuten verstanden, was Thabang mit "don´t look only at the poverty, I want you to see the culture of the people" meinte: Die Menschen da leben Alltag, waschen Wäsche, sind stolz, sie dekorieren ihre 5-Quadratmeter-Wellblechhütte mit Müllnippes, haben sich arrangiert, witzeln mit einem und machen -man glaubt es kaum- einen l e b e n s f r o h e n Eindruck! Kinder kommen auf dich zu und lachen dich an. Vor manch eine Wellblechhütte gezwängt steht ein zwar klappriges, aber funktionierendes Auto. Keine Ahnung, wie die Leute das dahin und wieder raus bekommen. Und auch in den Townships gibt es die sogenannten "Beverly Hills". Wer genug Geld verdient hat, kann aufsteigen und sich in einem besseren Teil der Townships ein Haus aus Stein bauen, dann mit Strom. Thabang hat es mittlerweile zu einem Haus in einem ganz normalen Vorort von Kapstadt geschafft. Wie? "Education, education, education. I went to school and worked hard." Viele der Schwarzen in den Townships sprechen kein Englisch. Sie sprechen eine der elf afrikanischen Landessprachen, können nicht lesen, nicht schreiben. Mittlerweile kann jedes Kind in einem Township zur Schule gehen. Da aber keine Schulpflicht besteht, gehen manche Kinder dort nicht hin, weil gerade die Eltern aus den sehr ländlichen Gebieten Afrikas nicht glauben, dass das wichtig ist. Übrigens verdient man als Schwarzer in einem guten Vollzeitjob in der Stadt ungefähr 60 Rand (=6 Euro) am Tag. Also 120 Euro im Monat...und das ist glaube ich schon viel.

Hunderte von den Minibussen sieht man zur Feierabendzeit gegen 17 Uhr auf den Autobahnen Richtung Townships fahren. Fragt mich nicht, wie das organisiert ist, funktioniert ja. Die VW-Busse, in die ungefähr 10 Leute reinpassen, nennen die Schwarzen übrigens "Taxi". Es gibt auch große Busse, die in den Stadtrand fahren und immer voll sind. Die heißen "golden arrow - the bus for us" und sehen alles andere als golden aus. Einer der besichtigten Slums heißt khayelitsha, was so viel wie "neues Zuhause" bedeutet. Auch Züge fahren in die Suburbs. Weiße fahren in Kapstadt generell nicht Zug und nicht Bus. Einmal war ich am Bahnhof. Da ich die einzige Weiße weit und breit war, bin ich ganz schnell wieder weg. Warum nur, sind doch alles nur Menschen. Aber man hat eben ein mulmiges Gefühl, das sich ganz automatisch einstellt.

Zurück in meinem schönen weißen Weinberg-Dorf esse ich in einem ganz normalen Restaurant Burger und Fries. Ich komme mir ein bisschen vor wie in einem englischen Golfclub. Die Atmosphäre ist elegant, ausnahmslos schöne weiße Leute trinken Wein und essen Steak. Ein feines Essen samt Getränken und exzellentem Service kostet 80 Rand, umgerechnet 7-8 Euro. Auf dem Flachbildschirm läuft Cricket und Rugby. Man fährt in großen Autos direkt bis zum Restaurant vor. Schmuck wird gern getragen, ebenso Mode in hellen Farben. Weiße Hosen und Blusen passen ja auch wunderbar zu gebräunter Haut und der grünen Kulisse der Weinberge. Die Farbe der Autos ist beige metallic oder silber, aber am beliebtesten ist: ratet...
Mit einem Glas Chardonnay in der Hand kann man schon mal vergessen, wo die Leute, die einem das Haus bauen, den Wagen bewachen und sauber machen, die Hunde ausführen oder den Rasen mähen, heute Nacht schlafen.
Obwohl, wäre es besser, wenn die schwarzen Niedriglohnarbeiter alle arbeitslos wären? Eine Lösung ist wohl, wie immer, nicht so einfach.

Sonntag, 23. November 2008

Kapstadt - Reisebericht Teil 1

Hallo aus Cape Town - Südafrika! Die ersten Tage waren "warming up with Africa" (links fahren, sich an das Klima gewöhnen, gucken, was man hier so macht und was man nicht macht). Was man hier so macht, ist auf jeden Fall: früh aufstehen und früh zu Bett gehen. Die Sonne geht um halb 6 auf und um halb 8 unter. Da es um 9 Uhr morgens schon sehr heiß ist, steht man zügig um halb 7 auf. Um 20 Uhr ist es bereits dunkel, um 22 Uhr abends liegen -außer in den Touristenorten an der Küste- die Südafrikaner in der Falle.

Was man auch macht, ist sich nur in bestimmten Vierteln bewegen, die Vororte meiden und sich nicht von der unglaublichen Kluft zwischen Weiß und Schwarz verstören lassen. Es gibt entweder sehr reich oder sehr arm und wenig dazwischen. Mein Guesthouse liegt in einem sehr reichen Viertel, und so habe ich allen Komfort, den man sich denken kann (W-Lan, Pool, ein riesiges Bad mit erwärmbaren Handtuchhaltern). Das Guesthouse ist -wie alle Villen hier- durch ein elektronisches Tor und eine hohe Mauer mit dreifachem Elektrozaun gesichert. Zusätzlich wird das gesamte Viertel rund um die Uhr von verschiedenen Sicherheitsfirmen bewacht. An besonders großen Häusern sitzen Schwarze auf Stühlen an der Straße und beobachten Verdächtiges. Niemand ist auf den Straßen zu sehen, von Zeit zu Zeit geht jedoch ein Tor einer Hauseinfahrt auf, dann sieht man große amerikanische Geländewagen oder kleine sportliche englische Flitzer herauskommen, kurz bevor das Tor dann wieder schließt und das Auto verschwindet.

Auf den Straßen zu Fuß bewegen sich nur die Schwarzen. Viele stehen an Kreuzungen und verkaufen Nippes oder betteln. Manche stehen am Straßenrand und warten auf kleine Minibusse (Marke VW Transporter), die sie von der Straße einsammeln und wer weiß wohin bringen. Einmal habe ich mich nach "Wer weiß wohin" verirrt. Da bin ich auf Kapstadts Autobahn falsch abgebogen und dort gelandet, wo Guesthouse-Host Michael mir ein schwarzes Kreuz für "Never go" auf meine Straßenkarte gemacht hatte. Und: es ist gruselig. Gerade eben war noch alles in Ordnung, und auf einmal lungern überall Leute herum, Müll liegt auf der Straße, die Häuser werden schäbiger und haben Dächer aus Wellblech, ausgeschlachtete Autos stehen am Straßenrand, Du bist auf einmal die einzige Weiße weit und breit, Gefahr liegt in der Luft. Und diese Viertel sind groß, sie machen schätzungsweise mehr als die Hälfte der Fläche Kapstadts aus, vielleicht sogar Dreiviertel - man sieht sie nur nicht, bzw. kommt erstmal nicht mit ihnen in Berührung.

Das Kontrastprogramm: Abends in Camps Bay, einem angesagten Beachort mit hippen Cafés. Ausnahmslos weiße Schickeria trinkt Wein und isst kapmalaiisches Essen. Feudalere Supermärkte als hier in Constantia/Winelands habe ich noch nicht gesehen. Weiträumige Parkplätze (Schwarze weisen Dir den nächsten freien Parkplatz und laden Deine Einkäufe in den Wagen), Feinschmecker-Sortimente mit allem, was das Herz begehrt, hochpreisige Waren. Alles schön und clean. Kein Wunder, denn auch hier sind einige Schwarze nur dazu da, heruntergefallene Krümel aufzufegen. Für die Leute hier ist das alles total normal, aber als Europäer hat man -so geht es mir zumindest- irgendwie auch permanent ein schlechtes Gewissen, da das politisch gesehen "richtig" so ja nicht sein kann. Man sieht auch überall nur Schwarze arbeiten (auf Baustellen, im Housekeeping, Supermarktregale auffüllen usw.). Die weiße Minderheit arbeitet anscheinend irgendwo im Büro oder "als Chef". Bei Michael, dem Geschäftsführer vom Guesthouse hier, frage ich mich manchmal auch, was der eigentlich den ganzen Tag zu tun hat. Saubermachen, einkaufen, Wäsche waschen, den Garten, die Zimmer aufräumen, das machen ja alles schwarze Angestellte. Er muss quasi nur Chef sein, alles beieinander halten, Auskünfte (den Gästen) und Anweisungen (den Angestellten) geben - wohlgemerkt, das sind hier nur 8 Zimmer...!
Das die ersten Eindrücke. Nun fahre ich an den Strand, es ist sehr heiß!